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28 August, 2015 - 23:47
 

Warum Kinder kritzeln - und warum das auch gut so ist

„Lerne doch etwas Ordentliches!“ Schon viele Jugendliche mussten unter der Last dieser schon beinahe klassischen Forderung von Eltern ächzen, wenn es um die Berufswahl ging. Kreativität wird in den Augen vieler Erwachsener als brotlos angesehen. Daher werden selbst die Kleinsten schon korrigiert, wenn sie Bilder nicht malen, sondern schmieren und kritzeln. Ein Fehler. 

© Kyrylo Grekov - Fotolia.com

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Nicht umsonst scheiden sich die Geister daran, was man überhaupt als Kunst bezeichnen kann und was diese Umschreibung nicht einmal ansatzweise trifft. Anerkannte Künstler (die oft längst verstorben sind) haben es leicht, Werke zu erschaffen (oder erschaffen zu haben), denen man auch als Nicht-Kenner ansieht, dass sie auf einem hohen handwerklichen Niveau entstanden sind. Künstler, die sich dagegen der abstrakten Kunst verschrieben haben, brauchen eine große Portion Glück oder Beziehungen oder – noch besser - beides, wenn Sie mit ihrer Kunst erfolgreich sein wollen. Kleine Kinder sind in aller Regel Künstler, die sich zum Abstrakten hingezogen fühlen. Das ist jedoch nur in zweiter Linie ihrem Kunstgeschmack zu verdanken, sondern vielmehr eine kindlichen Entwicklung, die von größter Bedeutung ist. Wenn Erwachsene eingreifen oder kritisieren, gefährden sie einen Prozess, der wichtig ist. 

 

Gut gekritzelt

Wenn Fünf- bis Sechsjährige zeichnen oder malen, entstehen dabei in den meisten Fällen keine Kunstwerke, die man den Großeltern an die Wand hängen und als Sommerlandschaft verkaufen kann. Vielmehr wird gekritzelt und experimentiert, was das Zeug hält. Eltern reagieren auf diese kreativen Ergüsse zuweilen ähnlich, wie auf das falsche Schreiben, sie korrigieren ihr Kind. Dem Nachwuchs helfen sie damit freilich nicht. Der Frankfurter Kunstpädagoge Professor Georg Peez hat dazu eine klare Meinung. Er sagt: „Das ist pädagogisch nicht angemessen.“ Und begründet seine Meinung mit folgenden Worten: „Denn Fünf- bis Sechsjährige wollen kein naturalistisches Abbild der Umgebung zeichnen. In dieser Phase erfinden Kinder Sinnzeichen und setzen sie in Beziehung zu einander und diesen wichtigen Entwicklungsprozess unterbinden wir mit Kritik.“ Im Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ hat sich Professor Peez umfassend zum Thema geäußert.

 

Künstler mit 9 Monaten

Kleinkinder, die 9 bis 12 Monate alt sind, werden beim Essen gern mal künstlerisch tätig. Mit Stiften oder Pinseln hantieren sie dabei nicht, sie brauchen lediglich ihre Finger und etwas Speichel oder Brei. Dann kann es auch schon losgehen. Mit wachsender Begeisterung verschmieren sie die Flüssigkeiten auf dem Tisch und erfreuen sich an ihren Werken. Dabei wird die Konsistenz des Materials zunächst mit den Fingerspitzen, später dann mit den gesamten Händen erforscht. Für die kleinen Kinder ist, so Professor Peez, dieses Schmieren wichtig, um später überhaupt in die Lage versetzt zu werden, mit einem Stift zu zeichnen. Der Grund: die Sensomotorik ist ein dominierender Faktor bei den Schmierbewegungen. Die Hin- und Herbewegungen und das und Auf und Ab sind wichtige Schritte, um die Feinmotorik zu schulen. Nach und nach erlangen Kinder immer mehr Sicherheit und sind in der Lage, ihre Schmierbewegungen zu erkennen. Darin sieht Peez einen „fundamentalen, bildnerischen Akt“, fast ein wenig traurig kommt der Professor zum Schluss, dass nach dem ersten Geburtstag das Schmieren durch das Kritzeln mit Stiften ersetzt wird. Mit dem Vollenden des ersten Lebensjahres hat das jedoch seiner Einschätzung nach nichts zu tun. Kritzeln ist gesellschaftlich nur anerkannter als Schmieren, das merken auch Kinder. 

 

Das Kind im Manne – und in der Frau

Im Laufe der Zeit entstehen durch das Kritzeln erste nachvollziehbare Empfindungen für die grundlegende Raumordnung, für das Kind also bedeutsame Entwicklungsschritte. Um den zweiten Geburtstag herum fangen Kinder an, mit ihren Kritzeleien erstmals Assoziationen herzustellen. Ein Kreis ist plötzlich nicht mehr nur ein Kreis, sondern wird als Teller, Mond oder Rad angesehen. Kritzeln ist nun also nicht mehr einzig und allein Kritzeln, sondern wird durch die neu erworbenen kognitiven Fähigkeiten als Symbol einer bestimmten Bedeutung zugeordnet. Peez spricht in diesem Zusammenhang vom „sinnunterlegten Kritzeln“. Für den Kunstpädagogen Peez sind diese Entwicklungen von allergrößter Bedeutung. Er sagt: „Diese Fähigkeit ist entscheidend für fast jede kulturelle Tätigkeit. Aus Bildsymbolen entwickelten sich beispielsweise Schriftzeichen und Buchstaben.“ Und weiter: „Ohne diese kognitive Fähigkeit, die sich im dritten Lebensjahr zeigt, könnten wir keine Schrift lesen.“

 

Übrigens: Während des Schwingkritzelns, das für die Raumordnung bedeutsam ist, verhält sich das Kind ähnlich wie Erwachsene, wenn diese erstmalig mit einem Malprogramm am Computer sitzen und ihre ersten Zeichenversuche unternehmen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, verfallen also auch Erwachsene schnell wieder zurück auf die Stufe eines kleinen Kindes. 

 

Mit den Jahren vergeht die künstlerische Freiheit

Spätestens wenn die Pubertät einsetzt, geben viele Jugendliche das Zeichnen oder Malen auf. Leider, wie Professor Peez findet. Doch hinter diesem Fakt steht ein recht simpler und zugleich trauriger Grund: Das sinnunterlegte Kritzeln oder Sinnzeichnen wird als qualitativ nicht mehr ausreichend empfunden, stattdessen wollen Jugendliche lieber naturalistisch, visuell gewissermaßen ‚richtig’ abzeichnen. Das scheitert jedoch häufig daran, dass die Ansprüche an das eigene Können über dem liegen, was tatsächlich realisierbar ist. Die Folge ist das Ende der zeichnerischen Kreativität. Hier und da greifen Jugendliche zu Alternativen, die Sinnzeichen als Grundlage haben, beispielsweise, indem sie Symbole mit Graffiti erzeugen. 

 

Abschließend lässt sich sagen, dass sicherlich nicht aus jeder Brei-Schmiererei später einmal die Werke eines Picassos entstehen. Kleinkinder an ihren kreativen Experimenten zu hindern, ist aber ganz sicher nicht der richtige Weg. Besser, man lässt den Kleinen ihren Spaß – wer weiß, was später einmal draus wird ... 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de